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Essay

Philosophie ist für jede:n da!

Kapitel Eins Oder Wie de Botton unser Leben verändern kann

Alain de Botton wurde 1969 geboren und ist ein britisch-schweizerischer Autor von Sachliteratur über Themen wie Liebe und Reisen, Architektur und Philosophie. Er ist Gründer der School of Life und Living Architecture. The School of Life, die auch in Berlin ansässig ist, hat sich auf die Fahne geschrieben sich einer neuen Vision von Bildung zu verschreiben. Zurzeit lebt de Botton in London.

Um was geht es in seinen Büchern? De Botton befasst dich mit unterschiedlichen Themen auf philosophische Weise – verständlich, alltäglich, lebenspraktisch. In anderen Worten: Er beschreibt eine Philosophie des Alltags – für jede und jeden.

Auf seiner Internetpräsenz steht über sein Werk geschrieben: Auch wenn de Botton manchmal als Populist beschrieben wird, so sind seine Bücher im Herzen Versuche eine ursprüngliche Idee über beispielsweise Freundschaft, Kunst, Neid, Verlangen und Unzulänglichkeit mit der Hilfe der Gedanken anderer Denker – eine Herangehensweise die Autoren wie Seneca und Montaigne vertraut waren und die verschwand allein mit der wachsenden Professionalität der Gelehrsamkeit im 19ten Jahrhundert (meine Übersetzung). Für mehr Informationen zu Alain de Botton und seinem Werk, besuche https://www.alaindebotton.com .

Mein erster Berührungspunkt mit Philosophie war Alain de Buttons Trost der Philosophie. Dieses Buch zog mich in seinen Bann und gab einer Teenagerin die Möglichkeit komplexe Ideen zu verstehen und für sich auf das eigene Leben zu übertragen. Es eröffnete mir eine Perspektive auf die Welt, die ich heute noch in mir Trage und eng verbunden ist mit meinem ganz eigenen Warum: In alltäglichen Begebenheiten das Philosophische zu sehen und sich auf die Suche nach einer Ethik des Alltags zu begeben. 

Wieso erzähle ich dir das ganze? Die Sache ist die: Unsere Gedanken und Ideen werden u.a. auch aus dem, was wir lesen konstruiert. Ich habe nicht alle Bücher Bottons gelesen, aber einige. Und viele davon bevor ich auf die Universität ging, um Philosophie zu studieren. Was ich damit sagen möchte? Ganz einfach: Meine Gedanken, Meinungen, Haltungen, Werte wurden auch von den Büchern von Alain de Botton geprägt. Ich glaube, dass er in vielem, was ich noch schreiben werde wieder zu finden ist. Ohne, dass ich bei jedem Gedanke wirklich wissen werde, ob das was ich schreibe, mein ganz eigenes ist oder ursprünglich von jemand anderem stammt. Aber dann wiederum: Wer weiß das schon?

Eine „philosophy of everyday life“ ist das, was man in Alain de Bottons Büchern findet – zugänglich, lebensnah, realistisch. Es sind keine Theorien, die in Elfenbeintürmen hoch über den Wolken mit Fremdwörtern und Fachbegriffen bestückt wurden. Ganz im Gegenteil.

Und nun komme ich endlich zu eben genau jenen Ideen de Bottons. 

Bereit? 

Lass uns anfangen:

Hast du deine Welt schonmal aus den Augen eines:r anderen betrachtet? 

Was würde über dich geschrieben stehen? Wie sieht dein Leben aus, wenn du es durch die Brille eines:r anderen betrachtest? Wie sieht dein Leben durch die Augen deiner:s Lieblingsautors:in aus? Alain de Botton schreibt in seinem Buch „Wie Proust Ihr Leben verändern kann“: „It should not be Illiers Combray that we visit: a genuine homage to Proust would be to look at out world through his eyes, not look at his world through our eyes.“ (Alain de Botton, How Proust Can change your life, S. 214).

So sind es insbesondere Bücher, die uns für Dinge sensibilisieren können, für die unsere Sinne abgestumpft waren (S. 38). Insbesondere dann, wenn wir die Brille des Autors aufsetzen und in unserer eigenen Welt plötzlich Dinge sehen, die wir vorher übersehen hätten. Hier erzählt dir Alain de Botton selbst von seinem Gedanken https://www.youtube.com/watch?v=-C8cD_uYKK8. Was kannst du plötzlich entdecken? 

Wenn das Ende happy ist, hört dann die Liebe auf?

In „Romanticism“ und „The Course of Love“ erzählt de Botton zwei Liebesgeschichten. Eine der beiden umfasst den Verlauf eines ganzen Lebens, das zwei Menschen teilen, die andere hört mit dem Beginn von etwas Neuem auf. Liebe und Romantik können zwei verschiedene Paar Schuhe sein, zwei unterschiedliche Geschichten. 

In seinem Roman The Course of Love (zu dt. Der Lauf der Liebe) erzählt Alain de Botton von einem Paar und porträtiert dessen Beziehung durch die Jahre hindurch. Dort wo üblicherweise bekannte Liebesgeschichten aufhören, fängt de Botton an zu erzählen. 

Im Verlauf des Romans stolpert der:die Leser:in über erklärende, reflektierende, philosophische, gesellschaftskritische Ergänzungen des beobachtenden Erzählers selbst. Diese kursiv-gedruckten Einschübe offerieren neben Einblicken in Ideen, Geschichte und Weltanschauungen über Liebe auch auf zwischenmenschliche Emotionen – wie Eifersucht – einen anderen Blickwinkel. 

„The stupidity of jealously makes it a tempting target for those in a moralising mood. They should spare their breath. However unedifying and plain silly attacks of jealously may be, they cannot be skirted: we should accept that we simply cannot stay sane on hearing that the person we love and rely on has touched the lips, or even so much as the hand, of another party.“ (Alain de Botton, The Course of Love, 2016, page 173). 

Was geschieht, wenn wir – wie Alain de Botton in dem Zitat schreibt – einfach akzeptieren, dass wir nicht vernünftig bleiben können, wenn die Person, die wir lieben und auf die wir uns verlassen, den Körper einer:s Anderen berührt? 

Was denkst du? Gehört Eifersucht zu unserem menschlichen Sein? Wie ist diese Emotion dann moralisch zu bewerten?

Die Geschichte von Kirsten und Rabih durchläuft Höhen und Tiefen. Romantik, Leidenschaft, Versprechen, Kinder, Alltag, Seitensprünge, Streit, Distanz und vieles mehr sind Themen, mit denen sich das Paar im Laufe der Zeit konfrontiert sehen. Es gibt kein Happy-Ending, sondern ein Leben: unverblümt, schmerzhaft, ermutigend, vor allem – gemeinsam. 

Etwas, was ich mit Alain de Botton verbinde, ist auch die Reflexion über sich selbst und die Ausbildung von Empathie. Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Nicht jeder Seitensprung ist moralisch verwerflich, der ein oder andere vielleicht sogar menschlich verständlich. Viele Streite gehen nicht um den Gegenüber, sondern viel mehr um einen selbst. Liebe ist nicht einfach. Liebe ist realistisch. Liebe ist bunt. 

Kommen wir zu einem der größten Feinde von Liebes-Beziehungen: den Seitensprung und / oder Ehebruch.  Die Welt um uns herum bewertet oftmals durch Wertvorstellungen sowie kulturellen und gesellschaftlichen Einflüsse, dass ein Seitensprung etwas verwerfliches sei, etwas was in Scheidungen und Trennungen enden muss. 

De Botton eröffnet eine verständnisvollere Sichtwiese: 

Romantische, erotische und vertraute Beziehungen gibt es, jedoch die Chance sich in einer solchen nach vielen Jahren, dem ein oder anderen Kind, den natürlichen Höhen und Tiefen wiederzufinden ist verdammt gering. Was bedeutet, dass mit jeder Ehe oder ehe-ähnlichen Beziehung, die wir führen, die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch ist, dass uns etwas fehlt. Blöd, oder? De Botton schreibt: „Falls die Ehe als die perfekte Antwort auf all unsere Hoffnungen für Liebe, Sex und Familie naiv und fehlgeleitet ist, ist es genau so fehlgeleitet zu glauben, dass ein Seitensprung ein effektives Gegenmittel zu den Enttäuschungen der Ehe ist“ (meine Übersetzung, S. 123). 

Vielleicht gibt es doch kein schwarz und weiß? Doch, was ist mit der Ideologie über romantische Beziehungen, die um uns herum produziert wurde – in Serien, Filmen, Magazinen, auf Social Media? Sind wir uns überhaupt den Herausforderungen langjähriger Beziehungen bewusst bevor wir uns dafür entscheiden unser Leben mit einem Menschen zu teilen? So sei das ultimative Falsche mit der Idee des Seitensprungs wie mit der Idee der Ehe der Idealismus. 

Wenn das Ende also happy ist, hört dann die Liebe auf?

Ein bisschen so scheint es, wenn man das Buch „Romanticism“ auf die Seite legt. Denn das Ende ist happy und die Suche danach geliebt zu werden war erfolgreich. Doch was ist aus der Liebe zwischen Alice und Eric geworden? Oder war es doch „nur“ Romantik? Ist es der Unterschied zur Liebe, was die Geschichte von Kirsten und Rapih anders verlaufen lässt? Beides gehört dazu. Beides hat seine Zeit. Beides, Liebe und Romantik, können unterschiedliche Geschichten erzählen. 

In „The Course of Love“ heißt es dazu: Reife bedeutet auch anzuerkennen, dass romantische Liebe nur einen kleinen Teil unseres emotionalen Lebens ausmacht und eher die Suche danach ist geliebt zu werden – und eben nicht zu lieben

Keine Religion, bitte! 

So einfach geht es meiner Meinung nach nicht. Religiöse Ethik gehört dazu. Vieles in unserer Gesellschaft ist auf christlichen Normen aufgebaut und vieles davon ist oftmals in unseren eigenen Werten tief verankert. Und natürlich gibt es noch mehr als nur die christliche Ethik, aber dazu kommen wir in den nächsten Wochen.  

Sich mit religiösen Weltvorstellungen zu beschäftigen, muss nicht notwendigerweise etwas mit dem eigenen Glauben oder Nicht-Glauben zu tun. De Botton beschreibt in seinem Sachbuch „Religion für Atheisten“ was man, auch wenn man an keinen Gott glaubt, aus den Ritualen, Kunstwerken, Ideen der einzelnen Religionen lernen kann. 

„But if we can now own up to spiritualising our ethical laws, we have no cause to do away with the lawsuit themselves. We continue to need exhortations to be sympathetic and just, even if we do not believe that there is a God who has a hand in wishing to make us so. We no longer have to be brought into line by the threat of hell or the promise of paradise; we merely have to be reminded that it is we ourselves – that is, the most mature and reasonable parts of us (seldom present in the midst of our crises and obsessions) – who want to lead the sort of life which we once imagined supernatural beings demanded of us. An adequate evolution of morality from superstition to reason should mean recognising ourselves as the authors of our own moral commandments.“ (Religion for Atheists, 2012, S. 80)

In diesem Sinne werde ich in den nächsten Wochen auf eine Reise gehen, andere Religionen kennen lernen und deren Werte mit Blick auf das christliche Menschenbild reflektieren. Welche Werte werde ich vorfinden? Wie werden diese Werte gelebt? 

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Oftmals prägen religiöse Normen Gesellschaften und ihre Menschen. Daher ist es meiner Meinung nach umso wichtiger sich den religiösen Normen der eigenen Umwelt bewusst zu sein sowie über seinen eigenen Teller Rand hinaus zu schauen und andere religiöse Weltbilder kennen zu lernen. Was können wir voneinander lernen? Gibt es einen Konsens zwischen allen Religionen, einen kleinen gemeinsamen Nenner? Was sind die Herausforderungen mit dem Absolutismus? 

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